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Bewegung ist Leben.

Prof. Dr. Ernst Pöppel zählt zu den renommiertesten Hirnforschern weltweit. (Foto)

Bewegung und Mobilität sind so alt wie der Mensch selbst. Allerdings ist die Mehrheit der Menschen heute zu einer sesshaften Lebensweise bestimmt. Aus evolutionären Gründen sollten Menschen jeden Tag zehn bis 20 Kilometer weit gehen. Bewegung hält gesund. Das gilt auch für das Gehirn, denn nichts ist so gut für das Denken und das Gedächtnis wie körperliche Bewegung. Heute ist Auto fahren die weltweit populärste Art der Fortbewegung. Aber Auto fahren ist noch mehr: Jede Fahrt bedingt einen permanenten Prozess des Abwägens und Entscheidens, also Hochleistungssport für das Gehirn. Es lässt sich wie ein Muskel durch Training in Form bringen – und das übrigens auch noch im Alter.

Auto fahren ist also Gehirn-High-Performance. Dabei sollten uns unsere Autos noch besser unterstützen. Ein Mensch kann in einem Augenblick – das sind zwei bis drei Sekunden – drei, maximal vier Sachverhalte aufnehmen. Werden mehr Sachverhalte für eine Entscheidung angeboten, ist der Mensch überfordert. Es ist wichtig, das bei der Gestaltung beispielsweise von Warn- und Fahrerassistenzsystemen zu beachten. Außerdem: Wir fahren antizipativ, das heißt, wir nehmen beim Auto fahren immer eine Situation vorweg – und zwar etwa im Drei-Sekunden-Rhythmus. Die Antizipation gilt es zukünftig noch stärker in die Entwicklungen einzubeziehen. Denn Ziel der Autoindustrie muss es sein, dass wir unser Fahrzeug in allen Facetten intuitiv verstehen, bedienen und nutzen können.

"Autofahren ist Gehirn-Training" Prof. Dr. Ernst Pöppel (Handschrift)

In der Hirnforschung werden Autos oder technische Geräte heute als Teil unserer selbst, als Teil unseres Körpers betrachtet. Die Wissenschaft spricht von „Embodiment“. Der Mensch lenkt also sein Auto, als wäre es ein Teil seines Körpers. Er verliert jedoch die Verbindung zu diesem „Körperteil“, wenn der Sichtkontakt fehlt. Nehmen wir eine Karosserie, bei der man dank aerodynamischer Optimierung vom Fahrersitz aus Motorhaube und Kofferraumdeckel nicht mehr optimal einsehen kann. Das „Embodiment“ ist stark reduziert. Ein Auto ohne diese optischen Koordinaten verunsichert den Fahrer mehr als ein Auto, dessen Abmessungen er überblickt – trotz technischer Helfer wie Kameras: Weicht der Blickwinkel der Rückfahrkamera von dem des Fahrers ab, so führt auch das zur Reduzierung des „Embodiments“.

Das menschliche Gehirn verlangt letztlich nach Einfachheit und anstrengungsloser Informationsverarbeitung. Deshalb tut die Autoindustrie gut daran, wenn sie intensiv darüber nachdenkt, wie sie dem Menschen das komplexe System Auto näherbringt.

Unterschrift Prof. Dr. Ernst Pöppel (Handschrift)

PROF. DR. ERNST PÖPPEL
zählt zu den renommiertesten Hirnforschern weltweit. Seit 1976 ist er Professor für Medizinische Psychologie an der Universität München (LMU). Er arbeitet zudem als Wissenschaftlicher Direktor am Parmenides-Center for the Study of Thinking und leitet das Generation Research Program des international engagierten Humanwissenschaftlichen Zentrums der LMU. Als Gastprofessor lehrt er in Innsbruck und Peking.

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